Zwei Beobachtungen zu Kolumbien

Ende September 2016 war ich zwei Wochen in Kolumbien. Ich habe Vorträge gehalten und wurde einigen sehr spannenden Leuten vorgestellt.

Im folgenden zwei Beobachtungen, die ich noch vor dem Referendum über den Friedensvertrag und der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Kolumbianischen Präsident Juan Manuel Santos geschrieben habe.

2016-09-bogota

1.
Die Menschen wirken entspannt. Als ich das gegenüber Kolumbianern äusserte, sind sie erstaunt. Es entspricht nicht dem Klischee. Kolumbien ist ein Land im Krieg. Seit Generationen bekämpfen sich unterschiedliche Gruppen bis aufs Blut. Die Gefahr, Opfer des Konflikts zu werden, ist allenthalben spürbar. Und dennoch bemerke ich, dass die Gesichter der Menschen, die ich auf der Strasse oder in Gesprächen treffe über die Maßen ruhig wirken.

Es war immer Krieg, die Menschen in Kolumbien, haben es nie anders erlebt. Man hat sich scheinbar damit arrangiert, doch die Gefahr ist allgegenwärtig. Zum Beispiel der Aufwand, der betrieben wird, wenn ein Taxi gerufen wird. Die Strassen in Bogota sind voll von offiziellen, gelben und weissen Taxis. Doch kaum jemand winkt einfach ein Taxi heran, man bestellt es telefonisch, es wird einem die Nummer des Taxis durchgegeben und man achtet darauf, dass man keinesfalls in falsche steigt.

Es gibt Hoffnung auf Frieden, am 3. Oktober wird in Kolumbien über einen Vertrag abgestimmt, der den langen Bürgerkrieg beenden soll. Die Umfragen sehen ein Ja für den Friedensvertrag. Doch es ist, wie so vieles in Kolumbien, kompliziert.

Der Druck, unter dem die Menschen stehen, hat nachgelassen. Wenn man das Wort “Hoffnung” ausspricht, folgen viele “aber”. Doch, die Spannung ist weniger geworden. Es ist Zeit, durchzuatmen. Das ist es, was man den Menschen ansehen kann.

2.
Seit vielen Jahren reise ich als Botschafter Korsakows durch die Welt und propagiere den vielschichtigen Blick. Ich bemühe mich aufzuzeigen, wie schädlich es ist, die Dinge in schwarz und weiss zu zeichnen und dass es nicht eine Wahrheit gibt, sondern die Realität das Ergebnis vieler verschiedener und zum Teil widersprüchlicher Blickwinkel ist.

Es gibt überall Menschen, die die Welt so verstehen, doch es ist eine Minderheit. An den Akademien und Universitäten ist der Anteil höher, doch Bildung ist nicht Voraussetzung für diese Denkhaltung.

Ich vermute, dass der Anteil der Menschen, die den multiplen Blick pflegen, bei 5 bis 10 % liegt. In entwickelteren Gesellschaften mag er etwas höher sein.

In Kolumbien ist der Anteil der Menschen, die nicht an eine Wahrheit glauben ausserordentlich hoch. Man spürt das auf der Strasse. Doch besonders deutlich wurde das bei den Gesprächen, die ich geführt habe. Die Auswahl meiner Gesprächspartner mag meine Beobachtung verzerren, doch habe ich noch nie in so kurzer Zeit so viele Menschen getroffen, die in unterschiedlichen Worten ausdrücken, wie wichtig der vielschichtige Blick ist.

Den Kolumbianern werden seit Generationen extreme Wahrheiten verkauft. Doch jede Wahrheit, die die vorangegangene ersetzte, hat alles nur viel schlimmer und blutiger gemacht. Die Menschen haben gelernt, dass eine Wahrheit, wie auch immer sie lautet und wer auch immer sie verkündet die Probleme nie löst. Im Laufe der Zeit wurden die unterschiedlichsten Wahrheiten ausprobiert, die Konflikte wurden nur schlimmer.

Es gibt in Kolumbien seit einigen Jahren ein spektakuläres Gesetz, das verbietet, dass es eine staatliche Wahrheit gibt. Das Gesetz bezieht sich auf den Bürgerkrieg und soll es den verschiedenen Konfliktparteien ermöglichen, ihren Blick auf die Dinge darzustellen. Dieses Gesetz wurde geschaffen im Verständnis, dass die Darstellung der verschiedenen Blickwinkel der erste Schritt zu Toleranz ist. Und Toleranz notwendig ist, um Konflikt zu überkommen.

Ein Gesetz, das die Wahrheit verbietet – ich würde es mir überall wünschen.

Der Anteil der Menschen, die nicht an eine Wahrheit glauben, scheint mir in Kolumbien ausserordentlich hoch. Kolumbien wäre damit eine Petrischale für vielschichtiges Denken. Eine gute Voraussetzung um viele Menschen zu bekommen, die in der Lage sind, außerordentliche Gedanken zu denken. Diese könnte die Grundlage für eine große Zukunft dieses Landes sein.

Trump wird nicht US-Präsident

Vorab: Trump wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Davon kann man getrost ausgehen. Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Er ist nicht geeignet.

Es ist ein langer Prozess, den jeder US-Präsidentschaftskandidat durchlaufen muss, bevor er an der Spitze des Staates steht. Das ist nicht nur in den USA so und es ist nichts neues. Führer, die Gruppen voranstehen, gibt es länger, als es Menschen gibt und jeder Anführer muss erst unter Beweis stellen, dass er oder sie geeignet ist. Dieser Prozess wird mit der Entwicklung der Menschheit komplexer und vielschichtiger. Doch er dient genau wie vor 200.000 Jahren dem Ziel, das möglichst am besten geeignete Individuum zu finden (oder zumindest unfähige zu verhindern). Das ist bei Affen so, das ist bei Amerikanern so. Früher war physische Kraft das dominante Auswahlkriterium. Amerikanische Präsidentschaftsanwärter prügeln sich offensichtlich nicht mehr mit Keulen, sie benutzen Worte. Und noch etwas hat sich geändert: Sieger ist nicht mehr, wer dem Gegner die größeren Wunden zufügt. Die Gruppe erklärt den Sieger. Der Gewinner siegt gewissermaßen nach Punkten, nicht mehr durch K.O.

Der Prozess, den alle Kandidaten durchlaufen, beginnt schon früh. Vielversprechende Menschen werden von der Gesellschaft gefördert. Sie bekommen bessere Bildung, Kontakte, Möglichkeiten und Gelegenheiten sich zu beweisen (oder zu scheitern). Sie werden an die Macht herangeführt, damit sie den Umgang mit ihr lernen können. Solche Menschen sollen eines Tages in der Lage sein, schnell und effektiv Entscheidungen zu treffen, auch Entscheidungen über Leben und Tod, Entscheidungen, die das Wohlergehen der ganzen Gruppe betreffen.

Das heutige System ist kein ideales System, das allen Individuen gleiche Ausgangsvorraussetzungen gibt – doch zumindest ist der Prozess heute offener als vor, sagen wir, 500 Jahren, wo nur Mitglieder einer sehr kleinen Kaste die Möglichkeit hatten, überhaupt am Wettbewerb teilzunehmen.

Zurück zu Trump. Wie sich derzeit deutlich zeigt, ist dieser Kandidat völlig ungeeignet. Er ist nicht gut darin Menschen um sich zu scharen – und gemeint sind hier nicht Fans sondern Mitstreiter. Diese scheint Trump als Angestellte zu sehen, die er in kurzen Abständen feuert. So hat er es sogar geschafft, weite Teile der eigenen Partei zu vertreiben. Zahlreiche hochrangige Republikaner empfehlen den Wählern gar, seine direkte Konkurrentin zu wählen. Ein unerhörter Vorgang und umso erstaunlicher, wenn man sich vor Augen führt, wie verhasst Hillary Clinton bei den Republikanern eigentlich ist. Donald Trumps Aussagen lassen erschaudern, sie stellen die Frage, wie diese Person als Präsident, mit großer Macht (und den Nuklear-Codes!) umgehen würde. Auch das erschreckt politische Gegner wie Parteigenossen.

Diese zwei Punkte – der Umgang mit Menschen und der Umgang mit Macht disqualifiziert Donald Trump. Wir beobachten gerade, wie alle Reißleinen gezogen werden, um diesen Präsidenten zu verhindern. Alle gestaltenden Teile der Gesellschaft (Politik, Medien, Wissenschaft, Kunst und Religion) scheinen sich zu vereinen, Trump zu verhindern. Die Republikanische Partei – die Partei Donald Trumps – unternimmt dies sogar auf die Gefahr, diesen Vorgang nicht zu überleben. Immenser Schaden an der Partei wird in Kauf genommen und man kann der GOP dafür durchaus Respekt zollen.

Donald Trump wir nicht Präsident, doch es hätte niemals soweit kommen dürfen. Dieser Kandidat hätte viel, viel früher aussortiert werden müssen. Dass er überhaupt so weit kommen konnte, zeigt deutliche Schwächen des Systems.

Die Prozesse, wie Führer ausgewählt werden, waren zu allen Zeiten fragil und in ihrer Konsequenz gefährlich. In der westlichen Welt mag man gedacht haben, derartige Gefahren wären überwunden. Doch die Schwäche des Systems, die derzeit deutlich werden, lässt bangen: Was passiert beim nächsten Mal, wenn eine solche Fehlbesetzung so weit kommt? Was ist, wenn die Reissleinen versagen? Das System muss unbedingt repariert werden. Das System bedarf einer Überarbeitung und diese wird Jahre und Jahrzehnte brauchen.

Es ist mir ein Anliegen, noch auf einen weiteren Aspekt hinzuweisen, den ich so noch nicht diskutiert gesehen habe: Was gerade passiert, ist unmenschlich dem Kandidaten gegenüber. Wenn man Trump beobachtet, seine Bilder studiert, sieht man ein Tier, dass in die Ecke gedrängt, wild um sich schlägt – unfähig zu verstehen, was ihm geschieht. Trump wird gerade von allen Seiten und mit allen Mitteln fertig gemacht. Das muss vermutlich so sein, denn Trump zu verhindern, ist gerade die wichtigste Aufgabe.

Trump wird vorgeführt, durchs globale Dorf gehetzt und alle klatschen Beifall. So sind zum Beispiel in zahlreichen Städten der USA lebensgrosse Statuen von Donald Trump aufgestellt werden, Donald Trump nackt und hässlich, die Figur mit kleinem Penis, ohne Hoden. Der Titel der Aktion: „Der Kaiser hat keine Eier“. Die Bilder von Menschen, die strahlend Selfies von sich vor der nackten Figur machen, werden von den TV-Stationen um die Welt gesendet. Das ist unmenschlich und widerlich.

Es hätte nie soweit kommen dürfen. Auch wenn Trump es selbst verursacht hat.

TRICK – Wie man sofort glücklich sein kann

Es ist eine Übung, die so einfach ist, so banal, dass der geneigte Leser vielleicht enttäuscht sein wird. Bei mir funktioniert der Trick immer, ich mache die Übung seit einigen Monaten regelmäßig. Man braucht kein spezielles Equipment, man braucht keinen speziellen Ort. Man kann die Übung überall durchführen, in fast jeder Situation und ich könnte nicht einmal sagen, welche Umstände besonders günstig sind.

Es dauert nur wenige Augenblicke, bis sich das Glücksgefühl einstellt. Ich selbst halte die Übung nur kurz durch, obwohl sie nicht anstrengend ist. Ein paar Minuten war das längest, was ich bisher am Stück in der Übung verbracht habe.

Der Trick ist so simpel und doch so effektiv, er kostet nichts und ist so offensichtlich, dass ich mich wundere, dass ihn mir nie jemand verraten hat.

Ich bin zufällig darauf gestoßen, als ich in einem Flugzeug sass. Ich war genervt, weil sich der Start verzögerte und um mich herum lauter Chinesen saßen, die sich laut unterhielten. Da ist es passiert:

Ich habe mich auf das konzentriert, was ich gehört habe. Und ich habe es nicht interpretiert. Es ging nicht darum, zu verstehen (ich verstehe kein chinsesisch), oder zu beurteilen. Und dann bin ich hineingerutscht, ins Hören. Ich habe hineingehört, in die Geräusche um mich herum und ich fand eine unfassbare Vielfalt. Egal, wo Sie sich gerade befinden, während Sie diese Zeilen lesen: Hören sie 30 Sekunden lang bewusst hin, was um sie herum zu hören ist. Es ist wunderbar, ein Bild, das mir all die Jahre entgangen war. Man kann darin eintauchen und wenn man wieder auftaucht ist man erfrischt und beruhigt. Mir geht es so, und allen, die ich gebeten habe, es zu versuchen.

Versuchen Sie es, es kostet nichts.

The way we tell stories

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Telling stories might not be the only way, how we make sense of the world, but it is for sure the most important one.

Since film was invented – and that was in fact not too long ago – the way we tell stories, the way we see the world, has changed. We might not be aware of it, because when ‘normal’ changes, it is hard to see.

LINEAR THINKING

Filmic narration, the continuous exercise of watching films and making films has formed our way of thinking.
Film has trained us in linear causal thinking, which is good to solve certain kinds of problems, but for other kinds this approach is not helpful at all. We have piled up a big mountain of problems that are unsolvable with the method of thinking we are trained in so well.
Climate change, the energy problem, the economic crisis, the clashes of believes – to name just a few.

TENDENCY TO EXTREMES

They way we tell stories is fascinated by extremes. Things that are spectacular are told and retold, no matter how unimportant they are. This produces noise and makes us blind for the really important issues.

The way we currently tell stories make us blind for the world.

What could alternatives look like?

Abstract of my talk at iDocs, next week.

AMERIKA IM WANDEL

Schon vor einigen Monaten habe ich mit großem Erstaunen bemerkt, dass sich etwas ändert, in den USA. Nun finde ich ständig Hinweise, die diese Beobachtung bestätigen. Amerika ist im Wandel. Es verwandelt sich in ein Land der Zwischentöne. Diese Beobachtung steht im starken Kontrast steht zu dem, was man allgemeinen über die Vereinigte Staaten denkt, denn die letzten Jahrzehnte waren anders geprägt: Amerika galt alls das Land der Extreme.

Der Präsidentschaftswahlkampf, der gerade in den USA um die Nachfolge von Barack Obama stattfindet, wird hierzulande vor allem mit einem Namen in verbunden: Donald Trump. Für Europäer die Bestätigung ihres Klischees vom weißen Amerikaner: ungehobelt, dumm, arrogant, ein Mann der die ganz einfachen Lösungen fordert, ohne sich Gedanken zu machen, über die Schäden, die sie unweigerlich anrichten würden. Trump ist spektakulär. Und weil die Medien nach spektakulärem schnappen, wie der Hund nach dem Stück Wurst vor der Nase, richtet sich so gut wie alle Aufmerksamkeit auf ihn. Wer in Deutschland Nachrichten schaut, könnte meinen, alles dreht sich bei der Präsidentschaftswahl um Donald Trump: Das ist nicht wahr, Donald Trump ist ein Clown und die Tatsache, dass solch ein Clown als der attraktivste Kandidat der Republikanischen Partei wahrgenommen wird, sagt wenig über die Lage in den USA, aber viel über die Lage der Republikaner. Und es sagt viel über die Unfähigkeit der heutigen Medien, Zwischentöne zu transportieren.

Wenn in den USA ernsthaft über Politik gesprochen wird, wird Trump zwar erwähnt, aber lediglich als Kuriosum, bevor man sich schnell wieder den wichtigen Themen zuwendet: Das Problem mit der unerträglichen Ungerechtigkeit der Verteilung des Wohlstands, dem Scheitern der Drogenpolitik und damit verbunden, das Problem der Masseneinkerkerung amerikanischer Bürger (“mass incarceration”), Migration, Energiepolitik, Waffengewalt, die Situation der Schwarzen in den USA.

Obama hat Großes geleistet. Er hat das Feld vorbereitet, für die Diskussionen, die heute in den USA geführt werden. Für die Art, *wie* man heute miteinander redet. Man muss sich vor Augen halten, wie die Situation vor 8 Jahren war, nach Bush. Man muss sich vor Augen halten, welchen unglaublichen Widerständen sich Obama gegenüber sah. Dem Nachfolger Barack Obamas, sei es Hillary Clinton oder sogar Bernie Sanders werden Entscheidungen möglich sein, die vor 8 Jahren noch nicht einmal im Bereich des denkbaren waren.

Wie sich zum Beispiel die Kandidaten beider Parteien zum Thema Drogen äußern ist bemerkenswert: Selbst der republikanische Kandidat Ted Cruz berichtet von seiner Crack-abhängigen Schwester, wie man sie und andere als Opfer einer Epidemie betrachten muss und nicht als Kriminelle, die bestraft werden müssen. Ja, kluge Leute haben das schon vor 15 Jahren gesagt. Aber in den USA nicht öffentlich. Und ein konservativer Kandidat hätte vermutlich nicht einmal in einer privaten Konversation gewagt, einen derartigen Gedanken zu äußern. Er hätte vermutlich nicht einmal gewagt, einen solchen Gedanken zu denken.

Die Stimmung ändert sich und das gibt Menschen die Freiheit, sich öffentlich zu Themen zu äußern, die ihnen schon lange auf der Seele brennen. Es ist wie ein Damm in dem sich viele bisher unsagbare Erkenntnisse aufgestaut haben. Dieser Damm bekommt Risse und bald wird er brechen.

Auch wenn man es in Europa nicht sehen mag, die USA sind bei vielen Themen bereits viel weiter als Europa: Zum Beispiel: Same Sex Marriage (für das es im deutschen noch nicht einmal einen nicht abwertenden Begriff gibt). Eine Firma wie Tesla, die an visionären Lösungen für Probleme unserer Zeit arbeitet, ist in den USA entstanden. Solches Denken gibt es nirgendwo in Europa. Nirgendwo anders in der Welt.

Das Pendel in den USA ist schon lange umgeschwungen. Es bewegt sich bereits mit großer Kraft in Richtung des visionärer Denkens. Selbst wenn wider Erwarten ein republikanischer Kandidat der nächste Präsident der USA wird, er wird diese Bewegung nicht aufhalten können. Er könnte sie lediglich verlangsamen. Das Pendel wir noch viele Jahre weiter schwingen, es ist noch lange nicht am Scheitelpunkt.

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