Oh, bin ich dämlich

Oh, bin ich dämlich! Ich musste soeben herzlich lachen, als ich mir unvermittelt meiner Dummheit gewahr wurde. Ich habe mein Hirn dabei erwischt, wie es Dinge verknüpfte, die sich nicht verknüpfen lassen. Gemeinhin nennt man das einen Fehler. Mein Hirn (wie wohl jedes?) knüpft unentwegt Verbindungen zwischen Dingen. Das ist manchmal sinnvoll, wenn ich zum Beispiel Worte in “die richtige” Reihenfolge bringe. So, dass die Worte Sinn ergeben – oder zumindest wohl klingen. Aber oft genug mögen meine Worte wohl klingen, aber sie machen nicht wirklich Sinn, denn sie lassen sich nicht mit der Welt verknüpfen.

Und damit ergibt sich die Antwort auf die erste Frage, die da lautet: Sind wohlklingende Worte immer wahr? Die Antwort, da dürfte allgemein Einigkeit herrschen, ist – nein. Worte müssen nicht wahr sein, auch wenn sie schön klingen. Diese Erfahrung hat bestimmt schon jeder gemacht, zumindest seit der Erfindung der Reklame.

Die zweite Frage ist hingegen viel schwieriger zu beantworten und ich währe sehr an anderen Perspektiven interessiert: Wie ist es mit wahren Worten? Müssen wahre Worte immer auch schön sein? Um diese Frage zu untersuchen, müssen wir zuerst genauer definieren was an dieser Stelle mit “schön” gemeint ist. Schön nicht aus der Betrachtung des Augenblicks, denn wahren Worte sind oft erschreckend. Von Schönheit würde man eigentlich nicht erwarten, sich davor zu erschrecken. Mit Schönheit muss also hier die Schönheit gemeint sein, die von einem wahren Satz ausgeht, wenn man den Satz in der Betrachtung der Vergangenheit, im historischen Kontext ausspricht, weit weg von jeglicher emotionaler Nähe.

Emotionale Nähe, wie gesagt, kann erschrecken.

Interaktiver Dokumentarfilm ist tot. Es lebe der interaktive Dokumentarfilm.

Interaktiver Dokumentarfilm: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Seit 1997 beschäftige ich mich mit dem, was wir heute als interaktiven Dokumentarfilm kennen. Zehn Jahre später erfuhr ich, dass meine Arbeiten in dieses Genre fielen, lange bevor der Begriff selbst existierte.

Interaktive Dokumentarfilme gab es für mich also schon, bevor es den Begriff gab. Und ich bin überzeugt, dass es diese Form weiterhin geben wird, selbst wenn der Begriff eines Tages in Vergessenheit gerät – ähnlich wie der Begriff “Multimedia” inzwischen historisch ist, obwohl das Konzept dahinter weiterlebt.

Die Zukunft des Interaktiven Dokumentarfilms

Wie könnte dieser “interaktive Dokumentarfilm” der Zukunft aussehen? Können wir ihn heute schon erkennen? Ja, das können wir. Ein Blick auf YouTube zeigt die bereits verwirklichte Zukunft des interaktiven Dokumentarfilms. Einzelne Videoclips, sogenannte SNUs (Smallest Narrative Units), werden durch Algorithmen miteinander verknüpft. Diese Methode, die ich seit 25 Jahren anwende, mag heute alltäglich erscheinen, doch für frühere Generationen war sie in einem Massenmedium undenkbar. Diese neue Art, Informationseinheiten zu verbinden, hat das Potenzial, unser Denken zu beeinflussen.

Mustererkennung und Multiperspektivität

Auf YouTube sehe ich, wie viele Menschen beginnen, bestimmte Zusammenhänge zu erkennen – Zusammenhänge, die ich durch meine Arbeit im interaktiven Dokumentarfilm ebenfalls entdeckt habe. Es geht darum, Muster zu erkennen, in denen mehrere, oft widersprüchliche Geschichten gleichzeitig existieren. Wo viele nur eine einzige Wahrheit sehen, erkennen andere den Wert aller widersprüchlichen Geschichten, die zusammen ein vollständiges Bild ergeben. Dieses Bild ist komplex, aber nicht unverständlich; manche Muster sind sogar ziemlich eindeutig.

Meine These

Das was ich “Korsakowianische Praxis” nenne, hat einen verstärkenden Einfluss auf das multiperspektivische Denken einer Gesellschaft. Indem wir lernen, verschiedene narrative Stränge zu erkennen und zu verknüpfen, entwickeln wir ein tieferes Verständnis für die Komplexität der Welt und die Vielzahl der Geschichten, die sie formen.

In diesem Sinne lebt der interaktive Dokumentarfilm weiter – in neuen Formen, auf neuen Plattformen und mit ähnlichen Methoden. Und er wird den Blick auf unsere Welt erweitern und vertiefen.

Eine Mischung aus YouTube und Bitcoin – vor 10 Jahren

Gerade bin ich zufällig auf ein 10 Jahre altes Interview gestoßen, dass ich, nachdem ich es damals pflichtbewußt (die Dokumentation nimmt der Künstler ernst) auf YouTube geladen hatte und danach vergaß. Ich wusste damals schon, dass sich für dieses Video kaum jemand interessieren würde, und so war es dann ja auch. Und irgendwie war mir das Video auch ein wenig unangenehm, weil ich blöd aussah und vor allem, weil ich es wieder nicht hinbekommen hatte dieses seltsame Ding zu erklären, das an sich so simple ist, viel simpler jedenfalls als der Quatsch, mit dem sich die Leute das Leben versauten. Ausserdem sah es uncool aus, dieses klischeehafte auf Fernsehen gemachte Studio, in dem ich jedem unerträglich gschaftelhuberisch rüberkommen musst, der nicht kapierte, über was um himmels Willen ich da redete. Und so richtig kapiert, worüber ich da geredet habe hat es (ich dramatisiere) wohl nur ein Mensch auf der Welt und das war ich.

Ich verstehe immer noch, was ich sagen wollte. Es ist alles richtig. Nur wenn ich meine Meinung zum besten gebe, und über irgendwas spreche, was dieses Ding nicht war (über Film, Innovation, Akademie), da redete ich Unsinn, aber das waren ja auch alles Bereiche, in denen ich mich nicht auskannte. Aber alles was ich über dieses Software-Ding zu sagen hatte Hand und Fuß. Das kann ich heute mit größerer Autorität sagen, nachdem ich mir über dieses Ding nun weitere 10 Jahre lang den Kopf zerbrochen habe.

Davor war ich Filmemacher, aber ich habe mit dem Filmemachen so gut wie aufgehört weil es mehr Spass machte darüber nachzudenken, was dieses Software-Ding ist, dieses “tool for thought” (Aston 2016, Wiehl 2016, Rheingold 2000), bei dem sich die Gelehrten darüber streiten, wer auf diesen Begriff in diesem Zusammenhang als erster gekommen ist. Bitcoin ist ein “Tool for Thought”, das versteht jeder Bitcoiner sofort; YouTube ist ein “Tool for Thought”, das versteht jeder, der YouTube vollumfänglich nutzt, das Internet ist ein “Tool for Thought”, das versteht jeder, der sich selbst beim Denken beobachtet; Film ist ein “Tool for Thought”, Kino, Podcasts, die Liste liesse sich verlängern, so lange bis alle Erfindungen der Menschheitsgeschichte aufgelistet sind. So weit wollen wir nicht gehen. Man sieht, ich verzettle mich auch heute noch oft, komme vom 100sten ins 1000ste, weil alles mit allem verknüpft ist, verstehen Sie, jetzt, worauf ich hinaus will?

😉

Multiperspektive

Multiperspectivity

Streng genommen sind alle Menschen multiperspektivisch, denn jeder nimmt die Umwelt mit verschiedenen Sinnen wahr. Die unterschiedlichen Sinne kann man als unterschiedliche Perspektiven verstehen, mit denen sich unterschiedliche Aspekte wahrnehmen lassen.

Den meisten Menschen ist darüber hinaus bewusst, dass andere Menschen andere Perspektiven haben.

Es gibt Menschen, die die Fähigkeit haben, Perspektiven anderer Menschen – Perspektiven, die sie selbst nicht wahrnehmen können – zu verstehen und in ihre Perspektive einzubeziehen.

Es gibt wenige Menschen, die die Fähigkeit besitzen, in ihre Perspektive die Perspektiven von Menschen mit einzubeziehen, die sie nicht verstehen. Diese Menschen meine ich, wenn ich von multiperspektivischen Menschen spreche.

Um eine Perspektive nicht zu verstehen, muss man sie zuerst durchdenken. Eine Perspektive, die man nicht versteht, ohne sie zu durchdenken, ist eine Perspektive, die man nicht an sich heranlässt.

Ein Ansatzt das Internet zu reparieren

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Digitale Interaktion neu denken: Über das Binäre hinausgehen

Soziale Medien haben prägenden Einfluss auf unsere Wahrnehmungen, Interaktionen und gesellschaftliche Gefüge. Das hat viele positive aber auch negative Auswirkungen. Ein dringendes Problem, das unsere Aufmerksamkeit erfordert, ist die zunehmende Polarisierung im Netz. Die Wurzel dieses Problems könnte überraschenderweise auch auf ein scheinbar harmloses Feature zurückzuführen sein, das auf Plattformen allgegenwärtig ist: ein binäres System von Feedback, oft ausgedrückt in “Daumen hoch” und “Daumen runter”.

Das Problem der Polarisierung

Polarisierung bezieht sich auf die Teilung der Gesellschaft in distinkte Gruppen mit konträren Ideologien oder Präferenzen, was zu einer fragmentierten Gemeinschaft führt. Das Internet, mit seinem enormen Potenzial für vielfältige Ausdrucksformen, ist paradoxerweise zu einem Schlachtfeld von Echokammern und polarisierten Lagern geworden. Dieses Problem wurde durch die binären Feedback-Mechanismen verschärft, wo komplexe Meinungen auf einfache Likes oder Dislikes reduziert werden. Solch ein System entmutigt Nuancen und fördert ein Umfeld, das von extremen Ansichten geprägt wird.

Der Binäre Übeltäter: Daumen Hoch und Daumen Runter

Das binäre Feedbackmodell, verkörpert durch “Thumbs up” und “Thumbs down” Buttons, gaukelt eine simplistische, schwarz-weiße Sicht auf Inhalte vor. Einem solchen Modell fehlt die Fähigkeit, die Komplexität menschlicher Meinungen einzufangen und reduziert reichhaltige, facettenreiche Diskussionen auf bloße Zustimmungs- oder Ablehnungszahlen. Die Frage, die sich stellt, ist: Was gäbe es für eine einfache Alternative? Eine Ansatz, die die Polarisierung mildern könnte, indem sie die Komplexität menschlicher Perspektiven sichtbar macht?

Die Vorgeschlagene Lösung: Der “Schieberegler”

Stellen Sie sich eine digitale Welt vor, in der die Meinungen der Benutzer anstelle einer binären Wahl mit einem Schieberegler inkrementell präsentiert werden. Dieser Schieberegler würde es Benutzern ermöglichen, ihre Meinungen mit größerer Präzision auszudrücken und bietet ein Spektrum an Werten, die die nuancierten Schattierungen von Zustimmung oder Ablehnung einfangen. Solche Systeme könnten die Art und Weise, wie wir online interagieren, revolutionieren, indem wir uns von der spaltenden Natur binärer Entscheidungen wegbewegen und hin zu einem inklusiveren, gradiellerem Verständnis von Inhalten und Meinungen.

Hochauflösende Reflexionen von Uns Selbst

Durch die Implementierung eines Schiebereglermechanismus könnte das Internet zu einem Spiegel werden, der hochauflösendere Bilder unseres kollektiven Bewusstseins reflektiert, statt grobe, 1-Bit-Grafiken mit wenig Nuance. Dieser Übergang zu einer “Graustufen” Darstellung von Meinungen könnte zu einem durchdachteren Engagement ermutigen, Empathie fördern, indem gemeinsame Grundlagen zwischen scheinbar unterschiedlichen Ansichten hervorgehoben werden und letztlich zur Heilung der polarisierten Landschaft beitragen.

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